Die Lateinische Münzunion / Union monétaire latine

 

«In keinem Fall ist Griechenland ein wünschenswertes Mitglied der Währungsunion. Das Land ist in einem bemitleidenswerten Zustand: Wirtschaftlich unseriös, von politischen Streitereien gelähmt und finanziell verrottet»

 


Zitat des amerikanischen Finanzexperten Henry Parker Willis (1874 – 1937) über die Aufnahme Griechenlands in die Lateinische Münzunion 1908.

Vor dem Euro (€) gab es in der Lateinischen Münzunion schon einmal eine Art europäische Gemeinschaftswährung. Zwischen 1865 und 1927 waren zehn europäische Staaten in dieser Union vereint. Die Mitgliedsmünzen der Lateinischen Münzunion, der 1. Europäischen Währungsunion, sind die historischen Vorläufer des Euros.

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Gründungsurkunde

Am 20. November 1865 trafen sich Magistrate aus Italien, Belgien, Frankreich und der Schweiz zu einer Session im französischen Aussenministerium am Quai d'Orsay in Paris. Sie tagten mehr als einen Monat lang, und ihnen gelang in dieser Zeit etwas Bemerkenswertes: Am 23. Dezember 1865 verkündeten sie die erste europäische Währungsunion. Die festgelegten Münzen behielten zwar ihre alten Namen, erhielten aber von nun an länderübergreifend Kursgültigkeit in den Mitgliedsstaaten und mussten von den Zentralbanken als Zahlungsmittel akzeptiert werden.

 

Die Nichtvertragsländer Griechenland, Österreich-Ungarn, Spanien, Montenegro, Serbien, Rumänien, Bulgarien sowie Venezuela traten den Regulierungen der Union ebenfalls bei. Nach der Gründung der Union am 23. Dezember 1865 bestand sie faktisch bis 1914 und formal bis zum 31. Dezember 1926. Am 1. Januar 1927 setzte die Schweiz als letztes Land die ausländischen Mitgliedsmünzen ausser Kurs.

Die Presse war vom Ergebnis der Konferenz begeistert. «Von Antwerpen bis Brindisi können Reisende nun mit derselben Münze bezahlen, ohne das Risiko und die Unannehmlichkeit des Geldwechselns». Ausschnitt aus der «Edinburgh Review».

Die Lateinische Münzunion wurde, im Grunde wie die Euro-Zone, mit ähnlich grossen Erwartungen gegründet. Durch das Bündnis versprach man sich einen wirtschaftlichen Aufschwung. In Relation zur Euro-Zone war das Abkommen vergleichsweise lose, dennoch sind im Leitgedanken viele Probleme und Begebenheiten identisch: Sie hatte mit Konstruktionsfehlern und massloser Staatsverschuldung zu kämpfen.

Während die britische Tageszeitung «The Times» die Union immerhin für «einen sehr wichtigen Fortschritt in der Entwicklung der europäischen Zivilisation» hielt, sah die britische Wochenzeitung The «Economist» von nun an sogar «keinen Grund, weshalb jedes Land eine separate Währung haben sollte».

Unter folgendem Link finden Sie eine annähernd komplette Auflistung aller Kursmünzen der Lateinischen Münzunion.

http://unionlatine.com/lmu_all_countries.php

Eine wesentlich ideologischere Perspektive hatte Félix Marie Louis Pierre Esquirou de Parieu (1815 – 1893), Vizepräsident des französischen Staatsrates und Gastgeber der Konferenz. Nebst wirtschaftlichen Vorteilen sah er in der europäischen Währungsunion überwiegend die Geburt eines geeinten Europas und einer Gemeinschaftswährung namens «Europe». Daraus zog er den Schluss, dass durch eine geschlossene Währungsunion, eine politische Union Europas legitimiert werden kann.

Der konservative Zeitgeist

Obschon die weltweit ersten Banknoten bereits in der Song-Dynastie (China) zwischen 960 – 1127 und in Europa im Jahr 1483 durch Spanien in Form von Belagerungsscheinen, Notgeld, ausgegeben wurden, wurde diese Innovation im westlichen Europa dennoch bis ins späte 19. Jahrhundert nicht als richtiges Geld angesehen. Somit war das Papiergeld vom festen Devisenkurs ausgenommen.

Da die emittierenden Zentralbanken unabhängig waren, wurde das Papiergeld in Bezug zur neugegründeten Währungsunion rasch zu einem ernsten Problem; Italien hatte bereits seit seiner Staatsgründung 1863 mit chronischer Staatsverschuldung zu kämpfen, deshalb gab die italienische Zentralbank grosse Mengen an Banknoten aus, was eine Inflation herbeiführte. Folgerichtig flossen die italienischen Gold- und Silbermünzen in die anderen Mitgliedsstaaten der  Währungsunion.

Aufgrund der wesentlich geringeren Inflation in Frankreich oder Belgien waren die italienischen Münzen dort mehr wert als in Italien selbst. Die hohe Staatsverschuldung Italiens sorgte so für die wirtschaftliche Destabilisierung der gesamten Union.

1908 wurde Griechenland in die europäische Gemeinschaftswährung aufgenommen. Damals wie heute gehörte Griechenland den Schuldenstaaten an. Bei einem Scheitern des Euros, wird ironischerweise erneut Griechenland massgeblich zum Ende der Währungsunion beigetragen haben.

Der Anfang vom Ende der Lateinischen Münzunion; disziplinierte Staaten versus Schuldenstaaten

Egal wie man es dreht und wendet, die heutigen Probleme der Euro-Zone waren bereits auch die Probleme der Lateinischen Münzunion, die daran litt, dass die Mitgliedsstaaten einerseits vom Vorteil einer gemeinsamen Währung profitieren, sich aber nicht in der nationalen Souveränität beschneiden lassen wollten. Der Tatsache wegen, dass der Wirtschaftshaushalt unter den jeweiligen Mitgliedsstaaten der Lateinischen Münzunion ein so unterschiedliches Niveau aufwies, wurde die erste europäische Währungsunion ein Misserfolg. Einesteils umfasste sie fiskalisch disziplinierte und wirtschaftlich starke Staaten wie Frankreich und Belgien, zum anderen aber auch, nicht anders als heute, die wirtschaftlich schwachen Schuldenstaaten des Südens. Obschon die Menschen in Paris und Brüssel die Auflösung der Währungsunion forderten, Belgien 1885 sogar kurzzeitig austrat, blieb die Union noch einige Jahrzehnte bestehen.

Künstlicher Zusammenhalt der Lateinischen Münzunion

«Die Union wurde fortgeführt, weil es tatsächlich unmöglich war, dass sie zu existieren aufhört»

Zitat aus dem Jahr 1898 des US-Ökonomen James Laurence Laughlin (1850 – 1933).

Trotz der Tatsache, dass der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung in Wahrheit eine Rezession herbeiführte, vegetierte die Währungsunion weit über ein halbes Jahrhundert kümmerlich vor sich hin.

Der Grund für den künstlichen Zusammenhalt und dieses an sich nutzlose Fortbestehen der Lateinischen Münzunion lag primär an den hohen Kosten eines Auseinanderbrechens. Da im Laufe der Zeit ein Grossteil der italienischen und griechischen Mitgliedsmünzen in belgischen- und französischen Besitz übergegangen war, entstand ein massives Ungleichgewicht. Hätten sich Frankreich oder Belgien für einen Bruch der Union eingesetzt, hätten die ausländischen Umlaufmünzen rasant an Wert verloren, was zu massiven Abschreibungen im Norden geführt hätte.

«Geschichte wiederholt sich»…

Die Fehler der Lateinischen Münzunion wurden wiederholt bei der Einführung des Euros. Dies, obwohl namhafte Finanzexperten mehrfach davor gewarnt hatten! Der ganze Ablauf war nicht folgerichtig, der Euro kam viel zu früh und sollte etwas erzwingen, das so nicht zu erzwingen war; eine gemeinsame europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die Politiker, die die Einführung des Euros vorantrieben, konnten oder wollten nicht wahrhaben, dass eine gemeinsame Währung nur stabil sein kann, wenn sich, wie bereits erwähnt, alle Mitgliedsstaaten auf einem ähnlichen volkswirtschaftlichen Niveau befinden.

Zu hoffen bleibt nun, dass sich die verantwortlichen Politiker und Politikerinnen unserer Zeit an die wirtschaftlichen Missstände besinnen, welche durch diese Währungsunion entstanden sind. Aus ökonomischer Sicht bleibt zu wünschen, dass die Politik einen wirtschaftswissenschaftlichen Nutzen daraus zieht und alles Notwendige tut, damit in Zukunft keine Zusammenschlüsse wie die Lateinische Münzunion bzw. die Euro-Zone mit derart illusorischen Zielen gegründet werden. Zumindest solange nicht, als es keine gemeinsame Finanzpolitik gibt. Das eine ohne das andere destabilisiert die gesamte Union!

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